Ein bisschen Schwund

 

Die Geschichte unseres neuen Daches ist eine Geschichte voller Höhen und Tiefen. Und viel Regen. Letztlich lässt sie uns sogar mit ein paar philosophischen Gedanken zurück.

Alles fing an am 7. November. An diesem Tag wurde unser Haus zu einem Kletterpark für ein paar Dachdecker und alle, die es mal werden wollen. Wir gehören nicht dazu. Im Laufe der Zeit gab es wie immer Missverständnisse und Überraschungen: Unsere Schießscharten entstanden. Eher ein Lowlight. Und der Balkon, Marke Eigenbau. Etwas, worauf wir ziemlich stolz sind.

Fräulein hier: Wirklich gut, dass wir jetzt da oben einen Balkon haben, denn dann haben wir wenigstens auch etwas von der Tatsache, dass das so ziemlich Edelste, das wir bisher in diesem Haus verbaut haben, diese schönen schwarzen Dachschindeln (aus Granit?) sind, die unsere neuen Gauben bekleiden. Angeordnet mit bestimmt ganz viel Liebe, sehen sie aus wie dunkle, matte Fischschuppen. Wenn ich künftig auf dem Balkon sitze, werde ich da immer dran fassen.

Alles klar. Ich finde es aber auch sehr schön, das Ergebnis. Gut, dadurch dass wir gefühlt Dauerregen (und ein bisschen Sturm) hatten, hat sich eine Sache, die eigentlich für drei Wochen angesetzt war, auf eineinhalb Monate ausgedehnt. Wer hat denn auch im November mit so einem Sauwetter gerechnet!

Aber irgendwann war es den Dachdeckern dann möglich, die Sache zu beenden und am 17. Dezember gen Heimat zu fahren. Selbstverständlich nicht, ohne ein paar Andenken mitzunehmen: meinen Schlagbohrer, meine Stichsäge und die Bose Mini-Anlage vom Fräulein, mit der wir uns und den Handwerkern immer musikalisch die Zeit vertrieben haben.

Ja, das lasse ich jetzt mal kurz sacken. Dieser Vorfall bringt uns zu den erwähnten philosophischen Gedanken.

Endlich kann ich mal über Kants kategorischen Imperativ nachdenken. Muss ich mich ändern und in Zukunft davon ausgehen, dass alle Menschen grundsätzlich etwas Schlechtes im Sinn haben? Wie unser Pfusch Senior? Wir belächeln ihn oft, wenn er am Ende des Abends alle Werkzeuge einsammelt und im Schuppen einschließt. Oder wenn er mich rügt, dass das Hoftor die ganze Nacht offen stand. Oder wenn er auf die Idee kommt, im Haus extra eine der Türen wieder einzuhängen, um so einen Ort im Haus zu haben, den man abschließen kann. Das ist für uns nicht nur ein bisschen Schwarzmalerei, das scheint uns auch ernsthaft anstrengend zu sein.

Das Fräulein sagt immer… Was sagst du?

Wenn ich immer das Schlimmste annehmen soll, muss ich mich in meinem täglichen Handeln unglaublich anstrengen. Darauf habe ich keine Lust. Wie zum Beispiel, dass ich mein Fahrrad auch in unserem Hof anschließen soll. Wenn ich wirklich beim Abstellen meines Fahrrads den Gedanken in meinem Kopf hätte, dass sicherlich jemand in den nächsten zwei Stunden hier entlang kommt und am hellichten Tag in einen fremden Hof geht, um zu sehen, ob dieses olle Fahrrad möglicherweise unangeschlossen ist, dann werde ich irre. Dann ist die Welt so schlimm, dass ich da nicht leben möchte. Punkt.

Die Frage ist also: Geht man vom Guten aus und wird mal negativ überrascht? Oder geht man vom Schlechten aus und wird mal positiv überrascht (weil niemand etwas geklaut hat, zum Beispiel). Schwieriges Ding.

Wir haben uns jetzt dafür entschieden, so lange es geht, ein bisschen Naivität und Gutgläubigkeit beizubehalten. Wir mochten die Jungs auch einfach sehr gerne, und ein schwarzes Schaf unter ihnen soll die anderen nicht mitschuldig machen.

Und man muss auch gönnen können. Es war Weihnachten und vielleicht freuen sich andere über die Bose-Anlage viel mehr als wir. Wir haben dafür ein Haus mit einem wirklich sehr schönen Dach. Ich würde die Jungs trotz allem weiterempfehlen.

Die meisten von ihnen.

 

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