Zielgerade mit Hindernissen

Dieser Beitrag enthält viel Text und wenig Vorzeigbares. Aber für alle Leser die sich aktuell oder künftig in das Abenteuer Hausbau/ -sanierung stürzen kann es gar nicht genug solcher Artikel geben. Zum einen um zu zeigen, dass neben dem filterversuchten Instagramstories und Erfolgsgeschichten auch immer und vor allem bei jedem ne Menge Scheisse aufm Bau passiert.

Los gehts!

Für eines der letzten Gewerke suchen wir ein Fliesenleger. Pfusch Senior hat seine Bewerbung ja mit dem grandiosen Wiederverlegen der alten Fliesen im Eingangsbereich abgegeben, sodass zwischenzeitlich der Gedanke wächst, die Fliesen selbst zu verlegen.

Als dann unser Heizungsbauer im Haus ist, empfiehlt er uns jemanden, dessen Angebot sich wirklich gut anhört. Doch im Gespräch ist er sehr hektisch. Er müsse gleich nächste Woche anfangen, will uns dazwischenquetschen, macht Druck, wo für uns (zur Abwechslung mal) keiner ist, kurzum: Wir entscheiden uns gegen ihn. Wir wollen nicht vom Dienstleister gehetzt werden. Entweder nach unserem Tempo oder gar nicht.

Also wird der Auftrag ausgeschrieben: Es geht um knapp 50 qm Fliesen, davon 80 % im Format 60 x 60, der Rest in 15 x 7,5, einmal Abdichten und Einbau eines Gefälles in der Dusche.

Hier meine Highlights: Der erste Fliesenleger kommt vorbei. Griesgrämig fragt er nach, ob denn Ausgleichsmasse benötigt wird. Bist du der Profi oder ich, du Hampel, frage ich mich, beisse mir aber auf die Lippen. Das bleibt seine einzige Frage. Er verlangt 3.000 Euro für die reine Arbeit, „könne aber auch mehr werden“. Wir bedanken uns höflich.

Der Zweite kommt auf Empfehlung. Wir erhoffen uns viel. Jung, dynamisch, er erzählt von Edelstahlleisten und natürlich geht er erst einmal auf die offenkundigen Fehler der anderen Gewerke ein – in diesem Fall des Trockenbauers (Asche auf mein Haupt – der war ich).

Das ist grundsätzlich so eine Sache, die wir bei Handwerkern beobachten. Erst mal wird gelästert über die anderen Gewerke und natürlich erwähnt, wie scheiße und schwer der vor Ihnen liegende Auftrag ja sei. Immer. Zweitens denken wohl viele, sie seien verhinderte Innenarchitekten, und geben wohlmeinende Tipps zur Verschönerung des Hauses. Einer war besonders wohlwollend. Als er unsere unverputzte Wand im Esszimmer sah, die wir so belassen wollen, erklärt er mir kopfschüttelnd, dass es dafür doch heute superschöne Lösungen gebe, die nur so aussähen, als sei die Wand unverputzt. Aus Kunststoff. Das sei doch schöner als so eine nackte Backsteinwand. Gut. Danke. Darüber werden wir bestimmt nachdenken!

Weiter im Text. Der junge, dynamische Mensch schmeisst 5.000 EUR in den Ring und auch die folgenden Fliesenleger geben astronomisch hohe Angebote ab, wenn sie denn überhaupt auftauchen. Dann kommt ein faires Angebot: 30 Euro/qm. Fein. Wir kommen ins Geschäft. Wir verabreden uns für Donnerstag. Sonntag Abend schickt er mir, wie vereinbart, die Einkaufsliste der benötigten Mengen und Materialien. Ich bin beruflich unterwegs und hetze abends noch schnell mit dem Baby zum Baumarkt.

Apropos Baby und Baumarkt. Wir sind wahnsinnig enttäuscht darüber, dass es niemanden interessiert hat, dass mein Pfusch Junior bei dieser Gelegenheit das erste mal die heiligen Hallen des Heimwerkens betreten hatte. Kein Willkommenslied, kein Konfetti, kein Gratisbabyzollstock. Nicht mal eine Rassel. Kleiner PR Tipp an die großen Baumärkte wie Hornbach, Bahaus, Obi und Co. – eine Kids Card. Gibt einen Plastikhammer, eine Mitgliedskarte und schon habt ihr einen Kunden mehr, der noch ein paar Jahre Handwerkern vor sich hat. Nichts zu danken!

Zurück zum Bau. Ich stehe also am nächsten Morgen um 7.30 todmüde auf der Baustelle. Natürlich alleine. Eine halbe Stunde später rufe ich an. Sie seien unterwegs, waren vorher noch auf einer anderen Baustelle. Als sie ankommen, bin ich schon wieder auf 180. Der Chef, mit dem ich bereits sprach, ist heute nicht dabei. Dafür ein neues Gesicht, das sich gelangweilt den ganzen Ablauf/Auftrag erneut von mir erklären lässt. Als ich frage, wer er eigentlich sei, heisst es, er sei einer der Partner. (Lehre fürs Leben: Sobald man im Handwerkerbereich das Wort Partner hört, direkt abbrechen. Partner sind Kumpels oder Subunternehmer, in jedem Fall ist der Handwerker nicht seriös.) Wir laufen durchs Haus, ich erkläre wieder alles und bin genervt. Das neue Gesicht nickt viel und sagt dann irgendwas von Kaffee. Sie drehen um, laufen die Treppe herunter in den Hof, aus dem Tor und zum Auto. JETZT GEHTS LOS, so denke ich mir. Doch dann steigen sie ein und fahren weg, das Hoftor bleibt sperrangelweit offen. Kaffee? Holen sie sich jetzt einen Kaffee? Ich bleibe bedröppelt stehen und warte. 

Eine halbe Stunde später bekomme ich eine SMS: Hi, wir können den Auftrag doch nicht annehmen, mein Partner meint es sei zu kompliziert, wegen der vielen Ecken und schiefen Wänden. Für 40 EUR den qm können wir es machen. Mir fällt alles aus dem Gesicht. Ich dachte ich hätte schon alles erlebt auf der Baustelle: Nichtauftauchen, Wucher, vorgeschobene Haftstrafen, falsche Telefonnumern und diebische Dachdecker. Aber dieses Verhalten setzt dem Ganzen die Krone auf. Ich rufe an, mehrfach und natürlich ohne Erfolg. Der Wich**er stellt sich tot. Ich kann es nicht fassen. Ich schreibe ihm, dass ich damit einverstanden bin, dass man doch über alles Reden könne und bitte ihn zurückzukommen. Er antwortet mit: ok, sind in einer halben Stunde da.

Ich freue mich, lege mir sehr harte Sätze bereit. Mit subtilen Beleidigungen, die in Richtung Familie und Erziehung gehen, möchte ihm was zum Thema Karma erzählen und Fragen zum Thema Anstand loswerden. Desto länger ich dann auf sie warte, desto unsicherer werde ich bezüglich der darauf folgenden Reaktion. Es wächst die Angst, dass bei solch persönlichen Aussagen der Gegenüber vielleicht rot sieht und das Ganze eskaliert. Und so kommt es, dass ich kichernd hinter dem Fenster knie, die eingehenden Anrufe ignoriere als sie erneut vor dem Tor stehen. Auch eine Art der Abrechnung.

Danach sind wir wieder allerdings wieder bei 0. Auf dem Heimweg fahre ich bei meinem Liblingskiosk vorbei und klage bei einem Bier und einer Gref Völsing dem Kioskbesitzer mein Leid. Er ist ein wirklich netter und umgänglicher Kerl und bittet mich ihm meine Nummer zu geben. Er habe da jemanden im Hinterkopf. Naja, vielleicht wird es ja so was…

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