Dielen schleifen, endlich!

Hatte ich schon erwähnt, dass ich Altbauten mag? Ja!? Gut. Falls nötig, kann man das noch mal nachlesen. Im ersten Blogeintrag von sage und schreibe April 2017 (17!). So lange ist es her, dass wir damit begonnen haben, dieses Haus zu sanieren, renovieren, uns zu ärgern, zu freuen, zu hassen, zu resignieren und uns Blasen an den Händen zuzulegen. Seitdem treibt mich die Sorge um: Werden die alten, unter Lack und Teppich versteckten Holzdielen wirklich zu retten sein? Sie sind immerhin 120 Jahre alt, nur 1,8 cm dick und fett mit Ochsenblut versiegelt. Was, wenn unter der Lackschicht das Holz morsch, das Material zu schlecht, oder zum Beispiel die Balken durchhängend ist? Alles No Gos und alles würde bedeuten, dass wir neuen Boden verlegen müssten. Schön teuer wäre das und ich habe Bauchschmerzen bei dem Gedanken. Deshalb erstmal schön aufschieben. Während der zwei Jahre gibt es natürlich immer wieder kleine verstohlene Blicke, ein Kratzen hier, ein Fachsimpeln da, Fachleute – die wenigen, die sich in unser Haus verirrt haben! – weisen mich darauf hin, dass der Boden nicht mehr zu retten sei und neuer sowieso schöner wäre. Au weia. Bauchschmerzen werden doller.

Ende März 2019 ist die Aufschieberitis vorbei, wir müssen jetzt ran. Mein bester Freund hat gerade seinen alten Boden abschleifen lassen und war begeistert von seinem Bodenmann, der ihm das schnell und zuverlässig und ziemlich schön gemacht hat. Ich greife zum Hörer. (Sagt man irgendwann nur noch „ich entsperre mein Telefon“? Werde ich für euch weiter beobachten.) Der Bodenmann ist nach einer halben Stunde da und wir laufen durch das Haus. Ich laufe mit gebeugtem Kopf und krummem Rücken in Habachtstellung, weil ich Angst habe, dass er mir am Ende freudig ein Angebot fürs Abreißen und Neuverlegen macht. Retten? Nee, guter Mann. Aber ich werde überrascht! Nach unserem Rundgang lächelt er, lässt mich einen Blick auf seinen fehlenden Schneidezahn erhaschen und sagt, dass ich mir da keine Sorgen machen müsse. Drei Dinge würden ihm hier zeigen, dass der Boden erhalten werden könne:

  1. Zimmermitte hängt nicht durch (kommt bei Holzträgerdecken oft vor)
  2. Dielen sind in sich nicht verzogen (Hinweis auf feuchtes Holz)
  3. Dielen knarzen nicht (kein Musskriterium, aber in Kombination mit dünner Materialtiefe, kann es sein, dass beim befestigen der Nägel, dass Holz durchgeschlagen wird)

Bei uns sehe das gut aus und er habe schließlich schon Böden instand gesetzt, die weitaus älter und in schlechterem Zustand gewesen seien. Ich solle mir keine Sorge machen und in 1-2 Wochen sei er fertig. WHAAT? Ich bin schockverliebt und habe Schmetterlinge im Bauch.

Drei Tage später schickt er mir noch ein Angebot. Darin ist auch das Verschließen der Fugen mit Holzkeilen (wo nötig) enthalten, das Aufbessern von fehlenden Stellen (bspw. dort, wo alte Rohre durch den Boden kamen) etc. Der Preis ist fair kalkuliert, aber mir fehlen leider Details. In den letzten zwei Jahren haben wir gelernt, auf Details zu achten und ich bitte ihn um die Anpassung des Angebots, damit es im Nachgang nicht zu Ärger kommt. Ich will festhalten: wie viele Schleifgänge , welche Granularität des Schleifpapiers, wie viele Stellen der Ausbesserung etc. Dann, eine Woche keine Antwort. Als ich ihn anrufe und ihn nach dem angepassten Angebot frage, erklärt er mir, dass er Profi sei, aber alle Aussagen wie bspw. über die Häufigkeit des Schleifens reine „Wahrsagerei“ seien und er diese Aussage auch nicht in dem angepassten Angebot schicken wird.

Nach diesem Telefonat bin ich wieder in gebeugter Haltung… Wiederholt sich alles? Poche ich jetzt auf die vertragliche Fixierung von 6 Schleifgängen und verliere ihn womöglich? Oder vertraue ich? Ich meine, zumindest will er keine Abschlagszahlung vor Beginn (wie die Verbrecher, denen ich bisher aufgesessen bin, siehe Einträge März 2017 bis heute).

Ich vertraue ihm. Allerdings recherchiere ich noch einmal wegen des Öls, das für solche Böden verwendet wird und bitte ihn noch, ein anderes Öl als vorgeschlagen zu verwenden, da das Öl aus dem Angebot (Hartwachsöl der Firma Saicos) im Sicherheitsdatenblatt Butanonoxim und Phtalat Anhydrit listet, das allergie- und krebsfördernd sein soll. Er lässt mich das Öl selbst aussuchen, vermutlich ist er schon tüchtig genervt von mir. Ich entscheide mich schließlich für das Hartwachsöl von Osmo, das er auch gut findet.

Und dann, ja, dann passiert das Wunder. Unser Auftragnehmer kommt am ersten Tag pünktlich, mit einem schriftlichen Ausdruck des Angebots und dann geht es los. Sie schleifen, schaben und schaffen, als ob es kein Morgen mehr gebe, und am Ende des ersten Tages haben vier Räume schon den ersten Schliff.

Auch die nächsten Tage laufen wie man es sich wünscht, sie sind pünktlich um 7.30 auf der Baustelle und verrichten ihre Arbeit. Dabei tauchen leider auch Probleme auf. Im Erdgeschoss hat in einem Raum der Holzwurm getobt und im Dachgeschoss sind die vermeintlich noch enthaltenen Keile zwischen den Dielen keine Keile sondern Teppichkleber.

Ja, und nach sieben Tagen vor Ort beenden Sie ihre Arbeit. Wir sind dankbar und ich mal wieder den Tränen nahe. Der Herr und seine Mannen sind Balsam für mein so geschundenes Auftraggeberherz. Er stellt die finale Rechnung. Dabei fallen die zusätzlichen geleisteten Arbeiten marginal aus und ich stelle fest: So gerne habe ich noch nie Geld überwiesen.

Nachtrag: ein Geschmäckle bleibt. Nachdem ich 3 Tage den Boden nur betrachtet, aber nie berührt, geschweige denn betreten habe, ziehe ich die Arbeitsschuhe aus und laufe das erste mal über den frisch geschliffenen und geölten Boden. Hoppala, so denke ich mir, ganz schön rau das Ganze. Ein wenig Internetrecherche später erfahre ich, dass sich durch das Öl die Fasern des Holzes aufstellen. Trocknet dann das Öl, werden die Fasern hart. Das ist doof. Mit feinem Schleifpapier lässt sich das zwar schnell beheben, aber leider antwortet der gute Bodenmann nicht auf meine Email mit der Bitte, die Räume noch mal nachzuschleifen. Naja, ich warte mal ab bis das Malervlies weg ist – es wird gerade gestrichen- und dann ruf ich ihn noch mal an… Trotzdem schlafe ich jetzt wieder gut und der Bauch hat auch Ruhe.

4 Kommentare zu „Dielen schleifen, endlich!

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  1. Na Bravo. Je länger ich in eurem Blog lese, desto klarer wird mir, dass so ein Sanierungsprojekt nicht unbedingt einfacher ist als der Bau eines neuen Hauses.

    Fetten Respekt vor eurer Leistung und weiterhin noch viel Erfolg.

    PS: Ihr bringt es wunderbar auf den Punkt, wie schwierig und ermüdend manchmal das Finden und die Zusammenarbeit mit Firmen und Handwerkern sein kann.

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    1. Hallo Johannes, danke für deine Nachricht. Wo Schatten ist ist auch Licht oder so ubd so sind wir gerade an einen Handwerker gelangt, der seines Gleichen sucht. Immer pünktlich, zuverlässig, wahnsinnig sauber arbeitend, ordentlich und motiviert. Dazu freundlich und auch noch „günstig“. Wenn ihr aus dem Raum Frankfurt kommt, gib mir ein Zeichen: den vermitteln ich gerne weiter. Toi toi bei eurem Projekt!

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  2. Guter Beitrag und tolle Bilder eines Holzwurmbefalls,
    was hat die Firma wegen des Holzwurms gemacht? Bei uns musste ein Schädlingsbekämpfer das Holz noch bearbeiten und ganz doll befallene Dielenbretter ganz austauschen. Alles andere konnte mein Mann dann abschleifen und neu versiegeln. Die einzelnen Schritte weiß ich leider nicht. Schön, das der Boden jetzt wieder in Ordnung ist.

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    1. Danke Euch. Ja die Arbeit (in diesem Fall nicht unsere) hat sich gelohnt und lässt sich sehen. Nach Aussage sei der Holzwurm „tot“ und nun zwei Jahre später haben wir auch keine weiteren Probleme oder neue Stellen feststellen können.

      Ps den link habe ich mal rausgenommen und durch einen klarnamen ersetzt.

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