Das lange Leiden der Treppe – Pt. 1 – Freimachen

Was macht mich zu einem Altbauliebhaber? Da gibt es bekanntlich viele Gründe. Hohe Decken, alte Dielen, Echtholzkassettentüren und das Gefühl, dass das Haus noch Stein für Stein gemauert wurde und nach so vielen Generationen noch immer steht. Außerdem bin ich vernarrt in alte Treppenhäuser – ob saniert oder nicht.

Und nun, nun habe ich sie. Meine eigene Treppe. Sie ist nichts Besonderes, hat keine Spielereien, keine besonderen Biegungen oder Extraschickschnack. Das Treppengeländer wirkt so sogar so, als ob beim Bau das Geld ausgegangen sei und besteht nur aus schmucklosen Metallstreben. Lediglich die erste Stufe ist von einem mit Ornamenten verzierten Abschluss bestückt. Sie hat 40 Stufen und knarzt an manchen Stellen etwas. Weiterhin fanden die Vorbesitzer die Treppe im Laufe der Zeit offensichtlich nicht mehr ganz so schick und so wurde Sie erst gestrichen, dann beklebt und dann noch mal mit PVC verklebt und Metallprofilen verschraubt. Da sieht man mal wieder wie sich im Laufe der Jahre die Geschmäcker ändern. Was gestern noch schick war, ist heute bäh. Und so wird es nicht anders kommen, als dass ich selbst oder ner künftige Bewohner dieses Haus die nun bevorstehende Arbeit wieder zunichte macht. 

Aber eins nach dem anderen. Wir haben das Jahr 2019 und wir finden Holz toll, umrahmt mit weißem Lack. So ungefähr könnte und sollte es mal aussehen.

Betrachtet man den Status Quo ist es noch etwas hin mit Lack und Holz und so kämpfe ich mich über mehrere Wochenenden mit meinem Elektroschaber kniend auf der künftigen Premiumtreppe und schabe, dass sich die Balken biegen. Am Ende sind PVC, vernagelte Aluschienen und Ausgleichsmasse erfolgreich entfernt und die Trittflächen aus bis zu 60% Holz.  Level 1 bestanden sozusagen.

Nun heißt es in einem zweiten Schritt dem alten Lack und darüber liegende Klebereste an den Kragen zu gehen. Zwischenzeitlich haben wir einen Handwerker im Haus, der uns den Dielenboden abschleift. Ich lasse mir einen Kostenvoranschlag für die Treppe machen und bin entsetzt. 50 Euro je Stufe! Und da hat man nicht mal die Wangen und die Unterseiten mit bei. Nicht mit mir!

Und so verlasse mich ein erneutes Mal auf meine Kalkulationsqualitäten und stelle mir ein Team aus fähigen und im Laufe des Bauprojekts prämierte Mitarbeitern zusammen.

  • Lackfräse (von Metabo)
  • Den kleinen und großen Lackabzieher (von Bahco)
  • Diverse Spachtel und Schraubenzieher
  • Alle Stahlbürsten, die ich finden kann
  • Dreiecksschleifer von Festool
  • Bandschleifer von Bosch
  • Multifunktionsgerät von Bosch
  • Exzenterschleifer von Bosch

Alle Versagen auf Ihre Weise kläglich bis auf den einen Helfer. Die gute alte Lackfräse. Sie arbeitet laut und schmutzig ist aber genau so effizient. Die Trittstufen und Stirnseiten sind verhältnismäßig schnell vom Lack befreit. Doch das Problem an schönen Dingen – zumindest beim Instandsetzen – ist ihre Schönheit selbst. Die Lackfräse kommt in keine Ecken und die Verzierungen und Rundungen unterhalb der Stufe würden bei der kleinsten Berühung mit einem der scharfen, sich schnell rotierenden Messer zerstört. Und so bekommen die Versager ihre zweite Chance und ich verbringe erneut viel Zeit damit die Ecken und Rundungen zumindest bis zum Status „halb geil“ abzuschleifen.

Am Ende liegt sie vor mir. Die alte, abgelaufene, durchlöcherte und mit tiefen Narben bespickte Treppe. Aber das ist wie mit der Sendung „THE SWAN“, die seinerzeit auf einem Privatsender lief. Man weiss, dass da mit etwas Spachtemasse, Schleifpapier und Farbe noch was rauszuholen ist und so verbleiben wir vorerst. Denn den Feinschliff gibt es erst, wenn die schmutzigen Arbeiten im Haus fertig sind.

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