Beidseitiger Knock out

Es soll das große Comeback von Hans, mit vollem Namen „Hans guck in die Luft“, unserem Protagonisten aus Die Kunst des klugen Handelns werden. Ganze drei Monate nach Auftragsbeginn, einem Monat Zwangspause, meldet er sich inklusive neuer Maschine und drei Helfern erneut für die Verputzarbeiten zurück. Die Vorfreude ist da, das Vertrauen allerdings angeknackst. Samstags um 7 Uhr stehen sie auf der Matte.
Dann kommt wieder mal alles anders als wir es uns gewünscht und Hans es sich ausgemalt hat.
Nachdem er die Maschine zusammengebaut hat, fällt dem Helfer von Hans guck in die Luft, der der eigentliche Profi bei der Geschichte ist, auf, dass die Truppe um Hans keinen Tapetenkleister dabei hat. Uuups. Der, so lerne ich, ist wichtig, da er in dem Schlauch eine seifenähnlichen Film hinterlässt, sodass das Material (der Putz) besser flutscht. Klingt ziemlich logisch. Also muss Hans wieder mal wegen eines 2,50 Euro-Produktes in den Baumarkt fahren. Die anderen bereiten unterdessen die Zimmer weiter vor.

Er kommt wieder und nun geht es los. Pfusch Senior ist mittlerweile auch dabei und wir erwarten voller Spannung die Inbetriebnahme des Geräts. Um 12 Uhr, nach einem kleinen Wasserschaden wegen einer fehlenden Dichtung und einem wieder mal verstopften Schlauch, ist sie richtig eingestellt und läuft. Alle rasten aus: vor Freude aber vor allem wegen des Zeitdrucks. Denn wir müssen heute was schaffen!
Die Maschine kümmert das recht wenig – die hat wohl auch keinen Bock samstags zu arbeiten und wehrt sich mit Selbstverstümmelung. Also lässt sie ein Relais durchbrennen, sodass man sie fortan nur bei dauerhaft (mit der Hand) gedrücktem Anschalter laufen lassen kann. Das hat zur Folge, dass der Motor extrem heiß wird. Nach drei Stunden wird die Borderline-Persönlichkeit der Maschine akzeptiert. Man fürchtet den Suizid und schaltet sie aus. Statt einer ganzen Etage ist nur ein Zimmer verputzt und alle schauen traurig aus der Wäsche. Bis auf die Maschine, die freut sich über die andere Art der Aufmerksamkeit – die Säuberung und den Auseinanderbau.

Ich ziehe mich mit Hans zurück und wir fachsimpeln über den Fluch der Baustelle und was nun zu tun sei. Wir stehen im Ring, noch sind wir höflich, aber beide deutlich angeschlagen, wir taumeln. Er, weil er erneut einen Tag ohne Erfolg verbuchen muss, ich, weil ich an den Concorde-Effekt denke (Ich kann jetzt nicht mehr zurück, ich kann jetzt nicht mehr zurück). Wir verabreden uns für Mittwoch, um die nächsten Schritte zu besprechen.

Mittwoch, 16 Uhr. Wir sitzen zusammen. Hans guck in die Luft, Pfusch Senior und ich. Ich kredenze lauwarmes Wasser, gebe ihm den Stuhl mit der kaputten Lehne und parliere etwas zu lang über zu heiße Sommer und Berufspendler. Meine Zermürbungstaktik hat einen Grund: In den drei Tagen zwischen unserer letzten Begegnung habe ich viel über das weitere Vorgehen nachgedacht und das Fräulein und ich kamen zu dem Schluss, dass wir nicht weiter mit Hans zusammenarbeiten möchten. Die Concorde wird zurückgerufen. Das Projekt wird eingestampft. Es geht nicht mehr.

Ich verpacke diese Gedanken sehr behutsam. Genauer: Ich spreche vom Weitermachen. Aber meine Taktik ist, dass ich das gemeinsame Weitermachen an Bedingungen knüpfe,  von denen ich weiss, dass sie ihm einiges abverlangen werden. Zu viel, meiner Meinung nach. Dazu gehören fixe und verpflichtende zeitliche Fristen, perfekte Ausführung und vor allem: keine weitere Zahlung. Sorry.

Die Stuhllehne, die Hitze, das warme Wasser und meine Worte erfüllen ihren Zweck.

Dann komme ich, scheinbar unvermittelt, mit Option Zwei. Meiner Falle. Option zwei muss sich für ihn anhören wie Honig: Wir könnten den Vertrag auf seine Bitte hin auflösen, dann müsse er uns nur noch einen Teil des bereits gezahlten Geldes zurückzahlen und uns das bereits gelieferte Material überlassen, dafür sei er jetzt und heute raus. Keine weiteren Verpflichtungen mehr.

Wir beäugen uns, umtänzeln uns, Schweiß tropft uns in die Augen, wer wird als erster blinzeln?

Er schlägt ein. Deal. Auch wer will von der Concorde nichts mehr wissen.

Als er vom Hof fährt, fällt mir eine unerträgliche Last von den Schultern. Ja, stimmt, wir haben beide Federn gelassen, niemand hat gewonnen, wir haben uns gegenseitig übel zugerichtet und gehen nun trotzdem – noch stehend, aber k.o. – aus dem Ring. Für mich fühlt es sich an wie ein Sieg.

Jetzt suche ich einen neuen Verputzer. Nächste Runde, nächste Runde!

3 Kommentare zu „Beidseitiger Knock out

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