Die Kunst des klugen Handelns

Es ist wahr. Auch ich habe schon einmal ein Buch gelesen. Der Titel hat es in die Überschrift geschafft. An ein Kapitel aus „Die Kunst des klugen Handelns“ erinnere ich mich besonders gut. Es handelt vom Concorde-Effekt. Der Effekt beschreibt grob das Sprichwort „Die Hoffnung stirbt zuletzt“ und die sich daraus ergebenden Fallstricke, die auf den Mensch lauern.

Ein kurzer Abriss der Geschichte: Die Planung der Concorde oder der „Königin der Lüfte“ in den frühen 1960er Jahren wurde trotz Ölkrise und diverser Lande- und Flugverbote wegen Lärm nicht abgebrochen. Nach mehr als 15 Jahren Durchhaltevermögen bei Entwicklung und Genehmigung ging die Concorde in den Betrieb über und blieb bis zum Jahr 2000 ein für die Airline unrentables Geschäftsmodell. So nannte der britische Finanzminister die Concorde rückblickend eine riesengroße Geldverschwendung, die während ihres Betriebs Milliarden an Geldern „verbrannt“ hat.

Aufhören stand auch im Kontext der Concorde schlicht für Aufgeben, war ein Eingeständnis des Scheiterns, oder schlimmer noch, eine Kapitulation. Erst ein Unglück, das Menschenleben kostete, stoppte den Effekt.

Ich würde jetzt gerne sagen, dass ich mir diesen Effekt, diesen Fehler nicht nur gemerkt, sondern auch aus ihm gelernt hätte. Zum Beispiel im Umgang mit unserem Verputzer. Habe ich aber nicht.

Es ist Februar, die Elektrik ist verlegt, der Frühling naht, die Zeit des ewigen Schutts ist vorbei und bald ist WM. Das Leben lacht sein schönstes Lachen. Und da kommt er, unser Verputzer.

Unser Verputzer, ich nenne ihn nachfolgend Hans-guck-in-die-Luft, war eine der sieben Personen, die sich auf unsere Ausschreibung gemeldet haben. Im Angebot hatten wir folgende Aufgaben:

  • Vorbereitende Maßnahmen
  • Verputzen von 600 qm Wandfläche
  • Abhängen von Decken ca 150 qm und Trockenbau
  • Abhängen der Treppenunterseiten
  • Untermauern der Fensternischen
  • Verspachteln in Q3 Qualität

Ein ordentliches Paket also, das Manpower, Erfahrung und Organisationstalent erfordert. Hans-guck-in-die-Luft hat nichts davon. Aber er ist sehr nett.


Concorde, die Erste

Nachdem ich nach der ersten Woche in unser Haus komme und überrascht bin über den überschaubaren Fortschritt, den die vier Mann hinterlassen haben, tauchen erste Fragen auf. Wie lange sind die denn schon dabei, diese Putzschienen anzubringen? Wieso sind die Putzschienen so unglaublich dick, sodass bis zu 5 cm Putz an die Wand müssen? Wieso ist die Regipsplatte am Fenster schief? Warum hat er nur zwei Paletten Putz bestellt? Warum übergibt er mir 15 (!) Baumarktrechnungen im Wert von in Summe 500 Euro mit der Bitte um Überweisung? Warum sind darunter Baumarktrechnungen über 3 Euro? Ist der wirklich wegen eines 3-Euro-Produkts zum Baumarkt gefahren?

Aufgeben? Nicht mal angedacht…

Die Kunst des klugen Handelns_01


Concorde, die Zweite

Nach der dritten Woche sind die vorbereitenden Maßnahmen abgeschlossen. Ich frage ihn nach dem Abkleben der Fenster, dem Abdecken der Böden, dem Säubern und Grundieren der Wände. „Mache wir dann alles beim Verputzen“. Ich gebe ihm zu verstehen, dass ich aber darauf bestehe, dass alle Maßnahmen, auf die wir uns geeinigt und die fein säuberlich im Lastenheft stehen, auch durchgeführt werden. Er nickt und schaut in die Luft. Am Tag darauf laufe ich mit einer Spraydose durchs Haus und kennzeichne Stellen, die der dringenden Nachbesserung bedürfen, mit Farbe. Etwa nicht mit Streckmetall abgedeckte Holzteile.

Pfusch Senior ist massiv genervt, da er Hans-guck-in-die-Luft und seine Compadres schon den ganzen Tag im Blick hat. Seine Meinung: Der Mann hat keine Ahnung, was er da macht und die Mitarbeiter machen, was sie wollen.

Aufgeben? Nein, wir müssen nur mit den Abschlagszahlungen aufpassen! Nicht dass er das Buch auch gelesen hat.

Die Kunst des klugen Handelns_02


Concorde, die Dritte

Er übergibt mir eine Rechnung, auf der neben Baumaterial ein Makitta-Bohrhammer mit 4 Akkus im Wert von 600 zu finden ist. (Wir hatten ausgemacht, dass ich Kosten für Material immer sofort überweise und den Rest entsprechend des Baufortschritts.) Als ich ihn darauf anspreche, reagiert er gereizt und irgendwie verletzt. Warum ich ihm nicht vertrauen würde? Er bräuchte diese Maschine, um die Verankerungen für die Rigipsplatten zu bohren. Ich bin verwirrt über die Tatsache, dass ein „Bauunternehmer“, der „schon lange in dem Geschäft ist“, kein Gerät für sowas besitzt.

Aufgeben? Nein, wir haben einen Vertrag und Fixpreis. Soll er doch schauen, wie er seine Ineffizienz ausbügelt.


Concorde, die Vierte

Es ist Montag und er schreibt mir, dass er am Mittwoch mit dem Verputzen anfangen werde. Er bräuchte dazu nun aber doch Starkstrom. Mir fällt das Gesicht aus dem Gesicht. Ich hatte ihn vier Mal gefragt, wie viel Volt die Maschine braucht. Drei Mal hatte er geantwortet, dass er es noch nicht wisse und beim letzten Mal, dass 230 Volt ausreichen würden. Ich erkläre ihm, das wir keinen Starkstromanschluss besitzen und ich über den Feiertag schlecht einen legen lassen könne. Das sei schlecht, meint er, er habe die Maschine schon ausgeliehen. Meine Nachfragen zum Modell, genaue Daten und Anschlüsse beantwortet er mir mit einem Foto, auf dem man alles sieht, nur nicht die Anschlüsse. Ich fühle mich an den 105%-Balkonbauer erinnert.

Aufgeben? Auf gar keinen Fall! Bald ist verputzt! Mit der Maschine ist das in 3-5 Tagen durch und dann heißt es: durchatmen.


Concorde, die Fünfte

Der Starkstromanschluss steht. Es kann losgehen. Ich nehme mir kurzfristig einen Tag Urlaub, um beim großen Happening dabei zu sein. Ich freue mich auf die erste verputze Etage und wie anders das Haus dann aussehen wird. Was dann passiert, muss mein Gehirn aus reinem Schutz verdrängt haben. Ich erinnere mich an Menschen, die mit der Maschine hantieren und an Hans-guck-in-die-Lufts vielen Sätze, die begannen mit: „Normalerweise…“. Nach 4 Stunden und 30 „Normalerweise…“ flackert Hoffnung auf. Die Maschine läuft. Jedoch nur um 10 Minuten später wieder ausgeschaltet zu werden, weil der Motor qualmt. Der Grund: Durch die vielen Fehlversuche ist der Putz im Schlauch hart geworden. Die Maschine wird abgebaut und mir wird versprochen, am nächsten Tag eine neue Maschine mitzubringen.

An dieser Stelle im Schnelldurchlauf: Maschine zwei ist auch „defekt“. Maschine drei verstopft wieder, weil Hans-guck-in-die-Luft keine Arbeitskräfte auftreiben kann und mit zu wenigen Leuten, die Maschine nicht zügig laufen kann, was zum erneuten Verstopfen führt. Die fehlenden Mitarbeiter haben „plötzlichen Urlaub“, der ihm nicht bekannt war.

Aufgeben? Alle raten dazu. Und wir denken über Alternativen nach. Es kommt zu einem Krisengespräch zwischen Hans und mir. Wir geben einander zu verstehen, dass wir beide das Projekt gerne gemeinsam fertigstellen wollen. Auf meiner Seite, weil ich keine Lust habe, erneut mit neuen potentiellen Auftragnehmern zu verhandeln, kein neuer Auftragnehmer sich auf die Vorarbeiten von Hans-guck-in-die-Luft einlassen wird und mit Sicherheit bei Null wird anfangen wollen (inklusive Abriss), und ich letztlich doch an das Gute im Menschen glaube und Hoffnung habe. Wir einigen uns auf eine kleine „Pause“ zur Organisation von fähigen und verfügbaren Mitarbeitern und Planung des weiteren Vorgehens.

Ich bin gespannt. Vielleicht bringen wir unsere Concorde noch in die schwarzen zahlen und ich schreibe danach eine Gegendarstellung zu der Theorie. Ich hoffe darauf und halte Euch auf dem Laufenden.

2 Kommentare zu „Die Kunst des klugen Handelns

Gib deinen ab

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Erstelle eine Website oder ein Blog auf WordPress.com

Nach oben ↑

%d Bloggern gefällt das: