Holz hol ich morgen…

Auf ausdrücklichen Wunsch einiger weniger Follower unseres Projekts möchte ich heute einen kleinen Schwank aus der Rubrik „Dumm gelaufen“ zum besten geben. Scheinbar habe ich mit meinem Beitrag Selbsthilfegruppe gesucht den Nagel noch nicht ganz auf den Kopf getroffen und wichtige Teile unerwähnt gelassen, die ich hiermit ergänzen will.

Eines schönen Tages im September hatten wir mal wieder jede Menge Schrott im Hof liegen, Buntmetall und Eisen. Bares Geld also. Gleichzeitig türmten sich auch Holz und sonstige Abfälle in jeder Ecke. Ich hoffte, mit einem geschickten Coup gleich beides auf einmal, den wertvollen Schrott UND den unbrauchbaren Abfall, loszuwerden und schaltete eine Anzeige auf Ebay Kleinanzeigen. Der Deal: Mein Vertragspartner bekommt den ganzen Schrott geschenkt, muss aber als Gegenleistung das Holz und den Sperrmüll für mich entsorgen.

Die Leitung glüht.

Jeder will den Deal machen und hofft auf den goldenen Topf am Ende des Regenbogens. Doch die Ernüchterung kommt schnell. Ich mache einen Termin nach dem anderen aus, aber werde jedes Mal versetzt. So sitze ich am nächsten Tag immernoch auf meinem Schrottberg, die Woche war scheisse und ich brauche sehr dringend ein Erfolgserlebnis. Vielleicht antworte ich deshalb auf die nächste Anfrage ungefähr so:

Er: Interesse! Da?

Ich: Ja, ist noch zu haben. Bei Interesse einfach vorbeikommen. Reserviere es allerdings nicht mehr. Wer zuerst kommt…

Er: Bin in einer halben Stunde da.

Das sind sie. Sie kommen zu zweit, einer drall, einer muskulös, beide mit zurückgegelten Haaren und frisch gewaschenen Arbeitsklamotten. Wir spazieren über den Hof. Ihre Blicke wandern von links nach rechts. Profis. Rico, der dralle, ist der Boss.
„Das da auch?“
„Was ist da drin?“
„Hast du noch mehr?“
„Da kannste gute Parties drin feiern!“
Ich zeige Ihnen den Schrott und beende die Führung vor den Holzresten, die ich als Gegenleistung für den Schrott loswerden möchte. Er verzieht entschuldigend das Gesicht.
„Aahh, das ist schlecht“, sagt Rico. „Wir haben heute nur Schrott geladen. Aber ich kann das Holz dann morgen mitnehmen.“ Hmm, schwierige Situation. In meinem Kopf beginnt es zu arbeiten. Ich will die Sachen loswerden. Jetzt. Ich muss. Ich brauche ein Erfolgserlebnis. Aber der Deal hinkt etwas, wenn er jetzt das mitnimmt, was er will, und mir dalässt, was er nicht will.

Doch das Schicksal nimmt seinen Lauf.

Ich winde mich. Sage ganz offen, dass ich in letzter Zeit echt schlechte Erfahrungen mit Deals auf der Baustelle gemacht habe. Das ist das Maximum an Misstrauen, das ich Menschen gegenüber äußern kann. Denn wenn ich etwas nicht kann, dann Leuten offen zeigen, dass sie bei mir an den Falschen geraten sind. Ich bin immer der Richtige. Und die beiden merken, woran sie bei mir sind. „Mach dir keine Sorgen, mein Freund. Wir sind Zirkusleute und Schausteller. Wir sind Ehrenmänner.“ ZIRKUSLEUTE UND SCHAUSTELLER?

Ich versuche, meine Gesichtszüge unter Kontrolle zu halten. Und in mir schreit es: Alles klar, Männer! Na, wenn das SO ist! Puuh, hey, ich dachte schon, ihr seid vielleicht Trickbetrüger. Zirkusleute! Ladet auf den Scheiss! Der Deal gilt.

Aber ich weiß nicht, wie ich ablehnen soll, ohne die beiden zu beleidigen. Also fangen sie an. Der Deal gilt. Während sie den Schrott stemmen und auf den Kleinlaster mit den Werbeaufklebern laden (die ich rasch under cover abfotografiere), verstecke ich mich im Keller und hole mir eine Flasche Wasser, um mich zu beruhigen. Ich kann das Elend nicht mit ansehen. Und dazu fühle ich mich auch noch schlecht, weil ich ihnen nicht beim Tragen helfe.

Als ich zurückkomme, haben sie bereits alles aufgeladen. Beim Abschied bitte ich Rico verschämt um seine Telefonnummer und erinnere ihn daran, dass er dann noch das Holz abholen kommt. Die Art, wie er mir dann die Nummer gibt, kenne ich. Die kennt jeder Mann, der schon mal volltrunken eine Frau nach ihrer Nummer gefragt hat. Immerhin macht er sich die Mühe und setzt vor die Zufallskombination aus Zahlen noch eine richtige Vorwahl. Ich bewahre Haltung. Und ein Pokerface. Als sie abfahren, weiß ich, dass wir uns nie mehr wiedersehen.

Zwei Tage später: Kein Rico in Sicht. Die Fantasienummer ist Fantasie. Tage später unternehme ich einen letzten verzweifelten Versuch, meine Ehre zurückzugewinnen und wähle die Nummer, die auf dem Lieferwagen stand. Er geht ran. Es tue ihm echt leid, aber am Samstag werde er kommen. Eine kleine Flamme namens Hoffnung lodert in mir. Der Rico. Schausteller. Ehrenmann.

Als er am Samstag nicht kommt und auch nicht mehr ans Telefon geht, will ich die Zeugen meines gescheiterten Geschäftsmanndaseins eigenhändig vernichten. In der schönen Kupferwanne, die wir von der Vorbesitzerin des Hauses geerbt haben, habe ich schon mal ein kleines Feuerchen gemacht. Verbrenne ich jetzt halt das verdammte Holz darin. Aber ich finde die Wanne nicht mehr. Ich weiss, dass sie im Hof stand. 100 Prozent. Kupferkessel. Kupfer. Wertvoll. Rico.

Meine letzte Nachricht an Rico enthält viele schlimme Worte. Eine Antwort habe ich bis heute nicht erhalten.

Das Holz hat er auch nie abgeholt.

Für meine Arbeitskollegen, insbesondere Mark, dem ich diesen Beitrag widme, beginnt nach meiner Rückkehr eine Woche voller Lachen und Lebensfreude. Und bis heute klingelt ab und zu mein Telefon und man richtet mir aus, dass ein Herr Rico am Empfang stehe und das Holz abholen will.

2 Kommentare zu „Holz hol ich morgen…

Gib deinen ab

  1. Ich bin gerade auf diesen Blog gestoßen und habe wissbegierig, in Vorfreude auf mein eigenes bevorstehendes Umbauprojekt, jeden Blogeintrag gespannt gelesen. Aber bei eben diesem hier habe ich herzhaft gelacht 😀 Im Text habe ich mich selbst zu 100% wiedererkannt. Ich wäre eine ähnlich gute Partie für Kollege Rico und seinen Komplizen gewesen und hätte es höchstwahrscheinlich auch nicht über die Lippen gebracht ihnen zu sagen, dass das so nicht läuft.
    Dass solche Menschen einem nicht zwangsläufig helfen wollen, sondern gern auch einfach mal vorbeischauen, um nachzusehen, ob es wertvollen Kupfer“schrott“ zu holen gibt, musste ich leider auch am eigenen Leib erfahren. Einen Rico, der sich angeblich für ein Waschbecken interessierte, führte ich einst bereitwillig durch die Lagerräume unserer ehemaligen Heizungsfirma. Die Sache mit dem Waschbecken wollte er sich dann lieber noch einmal überlegen…der baldige Stehlschaden am Kupfer war allerdings enorm 😦

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    1. halllo pippilotta, da freut mich sehr. Denn dazu ist der Blog ja schließlich auch da. Die Fehltritte und nicht ganz so gut gelaufenen Dinge für sich selbst festzuhalten. Nach 2,5 Jahren liege ich gerade auf der zu früh gelieferten Couch. Bald ist einzig und auch wenn die Zeit an uns gezerht hat blicken wir, desto mehr Abstand auch gerne auf solche Geschichten zurück. In diesem Sinne: viel Erfolg bei der Sanierung und Kopf hoch wenn es mal nicht so läuft wie gewünscht.

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