Der 105-Prozent-Mann

Ich bin die Ruhe im Sturm. Ich bin der Fleisch gewordene Fels in der Brandung. Wirklich. Ich stehe für Gelassenheit, Ausgeglichenheit und Ruhe. Attestieren mir nicht nur das Fräulein, meine Verwandte und Freunde, sondern auch der Chef im jährlichen Mitarbeitergespräch. Und das will was heißen, denn wo ich arbeite, geht es nicht immer friedlich zu!

Doch jetzt hat es einer geschafft, den gemütlichen Felsen aufzusprengen und meine Gelassenheit in eine Feuersbrunst zu verwandeln. Und zwar unser Metallbauer, den wir für ein Balkongeländer beauftragt haben. Mit dem fröhlichen Motto „Ich mache meine Kunden 105 Prozent zufrieden!“

Im folgenden könnte euch schwindelig werden, denn ihr reitet mit mir auf der Gefühlsachterbahn. Achtung, Spoiler: Wir sind nicht 105 Prozent zufrieden.

Samstag: Herr 105 Prozent kommt vorbei. Ich erkläre ihm, was wir wollen. Er erklärt mir, dass er das Geländer in zwei Wochen installieren kann. Prima. Das haut auch für uns hin, denn das Baugerüst, das dafür benötigt wird, verlässt uns erst im Februar. Als Inspiration erhalten wir noch einen Katalog. Er macht alles: Verzierungen, Blumenmuster, was wir wollen. Als ich erwidere, dass wir wirklich sehr minimalistisch unterwegs sind und uns für ein ganz schlichtes, schwarzes Modell ohne Verzierung entschieden hätten, findet er das nicht so gut. Er bevorzugt Edelstahl. „Aber hey, Kunde ist bei mir immer König, Sie werden sehen, ich liefere 105 Prozent Zufriedenheit.“ Komischer Kauz, aber ich nicke.

Sonntag: Ich rufe ihn an, um ihm mitzuteilen, dass wir trotz der Katalogschönheiten bei Schlicht-Schwarz bleiben, einfach nur senkrechte Streben, keine Querstreben, keine Rundungen, kein Schnickschnack. „Keine Querstreben?“ platzt es aus ihm raus. „Das geht nicht! Das wird viel zu instabil. Ihr Geländer muss mindestens 130 Zentimeter hoch werden, da brauchen wir Querstreben, ganz klar!“ Das stehe auch so im Gesetz, das könne er mir zeigen. „Sonst kann ein Kind die Streben auseinanderdrücken und seinen Kopf durchstecken. Ihre Sicherheit liegt mir am Herzen. Sie werden sehen, ich liefere 105 Prozent Zufriedenheit.Er schickt mir ein Video von einem Kind, das sich lachend aus seinem Laufstall befreit. Hmm, irgendwie nicht dasselbe. Aber Gesetz ist Gesetz, denke ich mir. Das Fräulein dagegen recherchiert auf eigene Faust. Und findet heraus, dass für unseren Balkon ein 110 cm hohes Geländer ausreicht. Also, kleine Telefonkonferenz mit 105-Prozent-Mann. Er lässt uns nicht zu Wort kommen. Er will es wunderschön (!) machen. Es scheint, als würden wir ihm unmögliches abverlangen, wenn das Geländer nach unserem Geschmack werden solle. Am Ende des Telefonats ist nichts geklärt. Er schließt mit den Worten, dass wir 105 Prozent Zufriedenheit bekommen werden. Ich bin hoffnungsvoll.

Montag: 4 Uhr. Wir warten auf ihn auf der Baustelle. Um halb 5 erhalte ich Fotos von Edelstahlgeländern. Er ruft an. „Haben Sie gesehen, was ich Ihnen geschickt habe? Wundervolle Geländer„. Ich frage, wo er ist und wann er ankommt. Er schaffe es nicht, da sein Fahrer, leider, leider, einen Notfall mit seiner Heizung habe. Ich habe Verständnis, bin etwas irritiert, aber auch amüsiert. So ein Schussel. Gut, dann morgen um 6 Uhr. Das Fräulein is not amused.

Dienstag: Mittags frage ich ihn, ob er denn heute tatsächlich auftauchen werde. Ja! Sechs Stunden später bitte ihn genervt, uns künftig bitte vorher mitzuteilen, wenn etwas nicht klappt. Er entschuldigt sich. „Wird nicht wieder vorkommen.“ Abends setze ich mich an den Rechner und zeichne drei mögliche Varianten, mit denen wir uns arrangieren könnten. Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte. Vielleicht hilft das bei unserem Kommunikationsproblem.

Donnerstag: Wir sind mal wieder verabredet. Ich sprinte aus dem Büro, bin zwei Minuten zu spät vor Ort. Er gewinnt mit einer Verspätung von 60 Minuten. Als er endlich da ist, will er die Dachschräge ausmessen, hat aber kein Werkzeug dabei, wirkt gestresst. Ich zeige ihm noch schnell meine Zeichnungen. Er wirft einen flüchtigen Blick darauf und nickt, so könne man das machen.  Er werde gleich morgen anfangen. Ich frage ihn, wann er eine Entscheidung wegen der Farbe von uns braucht. „Ja, heute natürlich, spätestens morgen früh.“

Samstag: Er schickt mir ein Bild eines halbrunden Handlaufs (wollten wir NICHT), bevor er anruft: „Herr Pfusch, hier neben mir steht mein Nachbar, er ist Architekt und er ist begeistert von diesem halbrunden Handlauf.“ Ich werde etwas ungehalten, unterbreche ihn und gebe zu verstehen, dass wir uns doch bereits für eine andere Variante entschieden hatten und daran auch nichts mehr ändern möchten. Er akzeptiert.

Montag: Er müsse noch mal vorbei kommen, um nachzumessen. Auf meine Frage, ob er das nicht bei den letzten beiden Besuchen getan habe, antwortet er, dass man Metall sandstrahlen müsse, bevor man es lackiert. Ah, ok.

Donnerstag: Er misst und misst. Und kündigt an, dass das Geländer am kommenden Montag montiert werden könne. Wir freuen uns. 14 Tage sind rum und das Gerüst steht nur noch wenige Tage. Es wird Zeit.

Besagter Montag: Er kommt nicht. Den ganzen Tag taucht er nicht auf. Gegen Abend rufe ich an. „Es war so viel los und die Konstruktion ist dermaßen komplex. Ich habe das nicht geschafft, aber am Mittwoch bin ich da, dann ist alles fertig und ich habe Helfer zum Hochtragen. Das Geländer wiegt 200 Kilo! Das ist ein Zeichen von Qualität und es muss alles perfekt sein. Das ist mir wichtig.“ Ich bin gereizt und flehe ihn an, künftig Termine einzuhalten oder rechtzeitig abzusagen. Versprochen.

Mittwoch: Ich bin auf Dienstreise und muss um 13 Uhr einen Vortrag halten, der mir im Magen liegt. Um das Unglück perfekt zu machen, erkundige ich mich kurz vorher, wie denn die Montage laufe. Es sei nichts zu sehen, sagt der Senior. Ich rufe 105 Prozent an. Wir sprechen zwar, aber ich verstehe eigentlich nichts von dem, was er sagt. Dann schickt er ein Foto. Und die Konstruktion, die darauf zu sehen ist, sieht irgendwie komisch aus. Au weia. Das Fräulein und ich beschließen, eine kleine Reise zu machen. Auf zum 70 Kilometer entfernten Herrn 105-Prozent. Und einfach mal von Angesicht zu Angesicht, von Mensch zu Mensch zu Geländer.

Mittwochabend in der Werkstatt von 105 Prozent: Wir stehen in dunkler Abendstunde in einer grell erleuchteten Garage, dessen Zentrum ein monströses schwarzes Geländer beherrscht. Sofort habe ich Angst, dass er sich vermessen hat. Wie um ein Lagerfeuer stehen drumherum mehrere griesgrämig dreinblickende Männer mit Zigaretten in den Mundwinkeln. Einer ist der Herr 105, der andere der ominöse Architektennachbar (der, dem der halbrunde Handlauf so gut gefiel), und dann sind da noch zwei junge Kerle. Der eine bleibt stumm. Der andere stellt sich als Sohn des 105 vor. Wie der Vater im Balkonbusiness. Und auf Anhieb weitaus souveräner als sein Vater, der einfach nicht aufhört zu reden und uns die komische Haltekonstruktion zu erklären versucht. Dem Sohn ist die Situation sichtlich unangenehm. Er bittet seinen Vater mehrfach, auch uns einmal zu Wort kommen zu lassen. In die Ecke getrieben, wird 105 immer unwirscher. Unsere Liebe zum Frieden (selbst die des Fräuleins) gewinnt. Wir fügen uns. Stimmen allem zu. Es ist ok, das mit der Konstruktion. Alles ok. Was bleibt uns denn auch übrig! 105 ist den Tränen nah. Und kann man denn einen Vater vor seinem Sohn kritisieren? Die Stimmung entspannt sich. Man lächelt auch mal. 105 hat Schweiß auf der Stirn und eine neue Zigarette im Mundwinkel. Zum Schluss bitten wir ihn dann noch um eine (diesmal) ganz realistische Einschätzung, wann er nun montieren käme. „Freitag!!“ Der Sohn lacht auf und meint, dass das vor Dienstag nichts wird. Herr 105 beharrt aber auf Samstag. Hunderfünfprozent! Wir schütteln allen die Hände und steigen wieder ins Auto.

Und jetzt ratet mal, wer Samstag nicht kam. Weil die Farbe nicht trocken sei. Der Punkt ist erreicht. Der Fels beginnt zu zittern. Ich resigniere. Ich frage, wann er Lust hat zu kommen. Ist mir alles Wurscht, ich lasse ihn weiter quatschen von komplexen Winkeln und Perfektion, von Edelstahl und anderen Baustellen, von Schlacke und Qualität, von halbrund, eckig und von zufriedenen Kunden. Ich höre nicht mehr hin. Verabredet wird Sonntag 10:00.

Sonntag: Ich bin 10 Minuten zu früh vor Ort.

10:00 Ich:
Wann kommen Sie heute?

                                                                                                                               10:11 Er:
Wir fahren jetzt zum Lackierer. Er hat gestern zweite Anstrich gemacht. Wenn gut trocken sind wir um 11 Uhr bei ihnen.

12:08 Ich:
Wie viel Uhr ist es bei ihnen?

12:22 Er:
Wir sind unterwegs. Sind gleich da. 

13:00 Ich:
Ich warte noch eine 20
Minuten!! Dann schließe
ich ab und Sie können

ein ander mal wieder kommen.

30 Minuten später biegen sie um die Ecke. Sein/ Unser Glück! Die Montage verläuft genau so, wie ich den Herrn 105 Prozent in den letzten Wochen erlebt habe. Unkoordiniert, doppelte Wege gehend, unsauber und verpeilt. Teilweise muss ich wegsehen, weil ich befürchte, dass das Geländer gleich mitsamt der Helfer einen Abgang macht.

Doch sie schaffen es. Das Gerüst ist oben. Allerdings ist der Lack in der Tat noch nicht trocken. Schnell zeigen sich Nasen, Sprühnebel und Abplatzer. Ich frage ihn, ob denn der Lackierer auch schon mal etwas von den 105 Prozent gehört habe. Daraufhin wird er wütend: „Ich habe doch gesagt, dass die Farbe trocknen muss, sie haben mich ja gezwungen, das Geländer so schnell zu installieren und unter Zwang kann man keine 105 Prozent…..

Gezwungen??? Und dann platze ich. Und lasse allen Unmut der letzten acht Monate Baustelle glücklich an ihm aus. Ich kotze im Strahl und er bekommt alle Brocken ab. Klar, das ist unfair, weil ich mit Pfusch Senior auch noch einen weiteren Schimpf-Profi neben mir habe, der die Pausen füllt, wenn ich Luft holen muss. Der Ausbruch dauert drei Minuten. Dann ist es vorbei und 105 verlässt schweigend die Baustelle.

Am nächsten Tag kommt er wieder. Kleinlaut. Will die Konstruktion an den Gauben und der Dachschräge befestigen. Lang ist es her, dass er redselig war. Ich vermisse es nicht. Er verrichtet seine Arbeit, soweit es geht. Denn natürlich hat er zu kurze Schrauben dabei und den Winkel falsch ausgemessen, um das Geländer am Dach zu fixieren. Wir lassen ihn ziehen, besorgen selbst die zwei Schrauben, übermalen die abgeplatzten Stellen und wollen nicht mehr darüber reden. Hier ist unser Geländer. Wenn wir künftig darauf sitzen, werden wir immer an ihn denken. An den 105-Prozent-Mann, der es geschafft hat, den Fels in der Brandung in die Luft zu sprengen.

 

 

 

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