Manchmal ist einfach einfach besser

Nachdem alle Altleitungen entfernt, der Großteil des Putzes abgeschlagen (haha) und die Wasser- und Gasleitungen verlegt sind, kümmern wir uns nun intensivst und natürlich maximal digital um die Elektrik, allen voran die Steckdosen.

Diese Aufgabe erscheint uns nicht nur als die bislang aufwendigste, sondern erfordert auch maximale Fantasie. Warum? Weil man sich in einer Umgebung, die mehr an 30 Jahre Krieg erinnert, umgeben von Schutt und Dreck darüber klar werden soll, wo man künftig zum Kühlschrank geht und sich eine Kinderschokolade rausholt. Weil man genau wissen soll, wo man die elektrische Zahnbürste auflädt (oder halt nicht auflädt, weil man es immer vergisst!!) und eigentlich auch genau, wo das Sofa, die Lampe, der Fernseher und der Toaster stehen sollen. Herr und Frau Ratlos versuchen erfolglos den Trick, den sie schon bei den Lichtschaltern angewendet haben, nämlich: Gehe mit geschlossenen Augen durch das Haus und überleg dir, wo du jetzt das Licht anmachen würdest. Weil man aber im Alltag nicht andauernd an Steckdosen fasst, wenn man einen Raum durchquert, kommen wir damit nicht weiter.

Man mag jetzt sagen, ist doch egal, sind doch bloß Steckdosen. Aber letztlich sind es immer genau diese Dinge, über die man sich wirklich ärgert, wenn man irgendwo wohnt. Eine Tür, ein Durchbruch oder ein Fenster, das vergisst man, da lebt man mit. Warum das so ist, kann ich euch natürlich schnell erklären. Schlaumeiermodus ein: Der Mensch neigt dazu, solche Dinge, die er leicht verstehen kann, auch schneller zu kritisieren. Denn man ist der Auffassung, es besser machen zu können. Beispiel: Zug und Flugzeug. Beim Zug fahren denkt man zu wissen, wie das geht (Räder auf Schienen). Hat der Zug dann Verspätung, führt das bei den meisten Fahrgästen zu Bluthochdruck. Das Fliegen dagegen ist noch immer viel zu magisch und außergewöhnlich, als dass man eine Verspätung nicht schnell verzeihen würde. Schlaumeiermodus aus. (Wie ich jetzt den Bogen zum Durchbruch und der Steckdose hinbekomme, ist mir jetzt auch nicht mehr ganz klar. Aber das brauche ich auch nicht. Hauptsache ist, ihr habt das mit dem Flugzeug verstanden.)

Zurück also zum Wesentlichen. Das Haus verfügt über neun Zimmer, ein Treppenhaus und einen Keller, die alle mit brandneuen Leitungen, Schaltern, Dimmern, Lan-Dosen und Steckdosen ausgestattet werden müssen. Auf SAT und Telefonanschlüsse verzichten wir gänzlich und hoffen, dass das mit dem Wlan und TV über IP auch in 10 Jahren noch angesagt sein wird.

Gott seis gedankt, dass ich den Grundriss bzw. (fast) das ganze Haus digitalisiert habe und mir jeden Raum anzeigen lassen kann. Also bin ich superschlau und drucke alle Raumpläne aus und gehe von Raum zu Raum und zeichne ein, wo ich mir welches Möbelstück vorstelle. Und halte fest, wo man welchen Anschluss bräuchte. Angefangen habe ich mit den Steckdosen, gewappnet mit ein paar Tipps aus diesem Internet. Zum Beispiel erklärt einem die Gesellschaft für Energiedienstleistung ganz gut, was sich hinter den sogenannten Basisausstattungswerten 1, 2 und 3 nach RAL-RG 678 verbirgt – da bin ich nämlich auch schon mal drübergestolpert. Habe aber natürlich so getan, als wüsste ich genau, wovon die Rede ist. Ich erkläre es jetzt hier nicht. So. Außerdem lernt man dort, wie viele Steckdosen in welchem Raum eines „Standardhauses“ verbaut werden. Standard als Maß ist immer super.

Ich also fröhlich am Zeichnen. Am Ende sitze ich vor einem DIN A4 Blatt, das aussieht wie Kunst, die definitiv auch wegkann. Aber verstehen und erkennen kann ich gar nichts mehr. Dann schnell alles auf A3 ausgedruckt, denn ICH BRAUCHE MEHR PLATZ. Und nen extradünnen Fineliner! Besorge ich morgen, dann gehts los.

Am nächsten Tag hat der Senior in meiner Abwesenheit bereits alle Orte für Steckdosen mit Farbe an die Wand gesprüht. Fertig. „Die müssen da sowieso sein“, sagt er. Ja, ich weiß doch. Schnell entsorge ich meine DIN A3 Pläne, ohne dass er was merkt.

Ja, dann. Haken dran, würde ich sagen. Manchmal ist einfach einfach besser.


 

2 Kommentare zu „Manchmal ist einfach einfach besser

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